Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Kopfüber

Der zehnjährige Sascha ist nicht unbedingt ein Sympathieträger. Er lebt mit der alleinerziehenden Mutter und zwei älteren Geschwistern in einem Mietshaus am Rand von Jena. Die patente Mutter ist berufstätig und hat wenig Zeit; Sascha ist deshalb häufig bei seiner Freundin Elli, die im Block gegenüber wohnt. Sie ist eine passionierte Sammlerin von Geräuschen, und häufig radeln die beiden mit Mikro und Kopfhörer auf der Suche nach akustischen Fundstücken zu großen Röhren und Baustellen. Wenn Sascha alleine ist macht er viel Mist; er klaut und lügt und wird schnell wütend. In der Schule versagt er komplett.

Er interessiert sich vor allem für Fahrräder, die er mit großem Geschick repariert. Auf dem Dach des Mietshauses hat er sich sogar eine kleine, geheime Werkstatt eingerichtet. Die erforderlichen Ersatzteile besorgt er sich nicht immer auf legalem Weg. Deshalb hat er häufig mit der Polizei zu tun, und das Jugendamt muss endlich tätig werden. Sascha erhält einen Familienhelfer als Erziehungsbeistand, der sich zunächst schwer damit tut, an Sascha überhaupt ran zu kommen. Er organisiert den Kontakt mit einer spezialisierten Kinder- und Jugendpsychiaterin, die ADHS diagnostiziert. Sascha muss nun ganz regelmäßig eine Pille schlucken. Eine große Armbanduhr piepst, wenn er wieder schlucken muss.

Dies macht er erstaunlich diszipliniert, und plötzlich ist er ein recht angepasster Junge. Nur Elli ist unzufrieden, denn Sascha hat sich verändert. Am auffälligsten findet Elli, dass er kaum noch lacht. Sascha hat endlich passable Noten, und die Ferien haben begonnen. Vielleicht ist es jetzt Zeit für eine kleine Auszeit bei der Medikation?

Der Film hat ein offenes Ende, und regt zu Diskussionen an. Auch im Haus der Kulturen der Welt, wo „Kopfüber“ im Rahmen der Reihe Generation gezeigt wurde, gab es reichlich Fragen von Kindern und Jugendlichen an den Regisseur, Bernd Sahling. Der hat einige Jahre lang selbst als Familienhelfer beim Jugendamt Potsdam gearbeitet, und die Figur des Sascha hat er nach einem realen Vorbild entwickelt. Er betont, dass sich das ganze Team ausführlich mit dem Thema Ritalin beschäftigt habe. Eine wirkliche Antwort wolle der Film nicht geben, denn es müsse wohl in jedem einzelnen Fall gründlich überlegt und entschieden werden. Ob Sascha nach dem Ende der Ferien seine Pille wieder schluckt? Das wollten die jungen Fragesteller gerne wissen. Doch eine Antwort gab es nicht.

„Kopfüber“ wird im Oktober in die deutschen Kinos kommen. Ich finde den Film vor allem wunderbar geeignet für einen gemeinsamen Besuch – von Kindern mit ihren Eltern, Lehrern, Erziehern oder Therapeuten.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017