Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Kreuzweg

"Jesu wird zum Tode verurteilt.“

„Der Heilige Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt.“

Dies sind nur zwei der 14 Stationen des Kreuzwegs Jesu, mit denen jeweils eine der Episoden dieses kargen deutschen Wettbewerbsbeitrags betitelt ist. Maria ist 14 Jahre alt; sie wächst in einer Familie auf, die sich ganz den strengen Regeln der katholischen Pius-Bruderschaft unterworfen hat. Der Film beginnt mit einer beklemmenden Szene: Einem Unterricht zur Vorbereitung auf die Firmung. Freundlich aber sehr akzentuiert fordert der junge Pfarrer (Florian Stetter) die Schüler auf, Soldaten Jesu zu werden, in dem sie sich für ihn einsetzen, das Böse bekämpfen und Opfer bringen. Als Maria gegen Ende der Stunde nach einem der Kekse auf dem Teller greift meint der Pfarrer: „Vielleicht ist es genau dieser Keks, auf den du verzichten solltest“.

Anna kasteit sich immer häufiger; wenn es kalt ist, zieht sie erst recht die Jacke aus. Anna möchte es allen recht machen – den Lehrern, den Mitschülern, den Eltern und dem Pfarrer. Sie möchte sich Jesus ganz und gar hingeben, um ihren behinderten kleinen Bruder, der noch immer kein einziges Wort spricht, zu heilen. Überall lauert die Versuchung; als ein Schüler aus der Parallelklasse sie einlädt, in seinem Kirchenchor Gospels zu singen, führt dies zu einer Fülle von Vorwürfen und Verdächtigungen der strengen Mutter, denn Gospel und gar Soul sind des Teufels. Ein wenig Unterstützung erhält Maria durch das französische Au-Pair-Mädchen; doch auch der Vater hält sich bedeckt. Immer häufiger kollabiert Maria; sie wird krank und endlich geht die Mutter mit ihr zum Arzt.

Der Hausarzt ahnt sofort, was hinter ihrem allmählichen Verfall stecken könnte: Mobbing in der Schule, Unterernährung, eine verschleppte Erkältung. Er ruft einen Krankenwagen und lässt sie einweisen. Doch Maria ist nicht mehr zu retten. Die Familie steht um das Sterbebett und der kleine Bruder spricht sein erstes Wort.

Das blasse Gesicht der jugendlichen Darstellerin der Maria, Lea van Acken, bleibt dem Zuschauer noch lange im Gedächtnis. Gerade weil Brüggemann keine spektakulären Bilder zeigt, sondern verhangene, fast blasse Tableaus hat der Film eine vegetative Wirkung. Innerlich und äußerlich fröstelnd verlässt man das Kino.

Die Geschwister Anna und Dietrich Brüggemann wurden für das Drehbuch von „Kreuzweg“ auf der diesjährigen Berlinale mit einem einen Silbernen Bären ausgezeichnet. Kurzfristig waren die beiden als Jugendliche selbst bei der Pius-Gemeinde, lösten sich aber rasch wieder. Die Geschwister Brüggemann haben sich mit ihren komödiantischen Drehbüchern zum Thema Behinderung oder dem WG-Leben Heranwachsender bereits eine kleine Fangemeinde erobert.

Anna brilliert zudem als Schauspielerin, Dietrich als Regisseur. Zuletzt erheiterte im Februar auf Arte „3 Zimmer/Küche/Bad“. Mit Kreuzweg haben die beiden nun abrupt das Genre gewechselt, und dies mit höchst beachtlichem Ergebnis. Wir werden noch von ihnen hören.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017