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Psychiatrie Verlag

Auf der 65. Berlinale war in der Reihe „Berlinale Special“ dieses Biopic über den berühmtesten Beach Boy Brian Wilson zu sehen. Seine Geschichte muss immer wieder herhalten für den Mythos von „Genie und Wahnsinn“. Regisseur Bill Pohland hat sich dafür entschieden, die Geschichte in Vor-und Rückblicken zu erzählen. Das funktioniert anfangs recht gut, gegen Ende wird es dann doch etwas unruhig, und manche Lücken im Lebenslauf bleiben ungefüllt. Melinda, ein ehemaliges Model, verkauft Cadillacs. Eines Tages kommt ein sehr ernster, scheuer Mann (John Cusack) und setzt sich in einen der Vorführwagen.

Melinda setzt sich zu ihm. Im Hintergrund stehen Body Guards; Brian kauft den Wagen und lässt sich Melindas Karte geben. Kurze Zeit später verabredet er sich heimlich mit ihr. So beginnt der Film. Die Handlung springt nun hin und her zwischen der aktuellen, sich sehr zögernd entwickelnden Beziehung zwischen Melinda und dem unter Kuratel seines Psychiaters stehenden Beach Boy Brian Wilson und der Geschichte der jungen Band, als einst alles anfing.

Brian war der geniale Kopf der Gruppe, weigerte sich aber schon früh, mit auf Tour zu gehen, sondern zog sich in sein Studio zurück und komponierte. Ab und zu taucht der Vater auf, der seine Söhne drangsaliert und vor allem Brian mit Verachtung straft. Der Film zeigt ausführlich, wie zwanghaft Brian versucht, seine musikalischen Visionen im Studio zu realisieren. Er hat feste Vorstellungen, die von den anderen Bandmitgliedern oft nicht akzeptiert werden. Doch er setzt sich durch.

Sein unglaubliches innovatives Potential wird zunächst nicht erkannt. Er setzt Studiomusiker und ungewohnte Instrumente ein, er arbeitet mit Geräuschen und verdichtet sie zu komplexen Arrangements. Tatsächlich scheint er in dieser Zeit bereits abzudriften: Konnte er Alben wie „Pet Sounds“ und Songs wie „Good Vibrations“ trotz oder gerade wegen seiner Störung produzieren? Brian fängt an zu halluzinieren, Stimmen zu hören, er konsumiert immer mehr Alkohol und Drogen und verlässt schließlich über zwei Jahre lang lang sein Bett nicht mehr. Brian Wilson hatte jung geheiratet und zwei Kinder; doch die Ehe ging zu Bruch. So lag Brian Wilson in seinem Bett (was im Film nicht zu sehen ist) bis Dr. Eugene Landy auftauchte und den über 140 kg schweren Brian einer drastischen Diät unterzog, ihn medikamentös behandelte und so wieder leidlich arbeitsfähig machte. Brian wird von seinem Privatarzt Dr. Landy streng bewacht und reglementiert – keine Drogen, kein Kochsalz, keine Verliebtheiten. Hier trifft nun die Rückblende auf die Gegenwart.

Brian und die taffe Melinda werden zunächst heimlich ein Paar, doch Landy und seine Assistenten sabotieren immer wieder den Kontakt. Nach ein paar weiteren Verwicklungen gelingt es der selbstbewussten Melinda, dem diktatorischen Psychiater auf juristischem Wege das Handwerk zu legen. Am Ende steht Brian wieder im Studio und quält die Musiker mit seinen obsessiven Klangvorstellungen.

Bei der Galavorstellung im Friedrichstadtpalast gab es neben dem jungen Darsteller Paul Dano auch den echten, wahren und inzwischen über 70jährigen Brian Wilson mit seiner originalen Retterin Melinda zu sehen. Ich wurde den Verdacht nicht los, dass aus Rücksicht auf den sicher nach wie vor empfindsamen Brian Wilson nicht alles auf den Tisch gepackt wird. So bleiben viele Fragen offen. Hatte Brian Wilson eine Schizophrenie, oder – wie der Nachspann meint – eine weitaus harmlosere psychische Störung?

Hatte er eine drogeninduzierte Psychose? Wie wurde Dr. Landy sein behandelnder Psychiater, was war sein Motiv, und welche Rolle spielten in diesem Komplott die anderen Bandmitglieder?

Trotz dieser Leerstelle besticht der Film mit einigen bemerkenswerten Momenten: Bei einer gemeinsamen Mahlzeit in großer Runde werden die Geräusche des kratzenden Bestecks auf den Tellern so laut und quälend, dass Brian davonrennen muss, und wir hinterher. Wer die Beach Boys liebt, und sich auch für die Details ihrer Aufnahmen interessiert, der kann ab 11.6.2015 das Werk, das Genie und die Störung begutachten.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 13.04.2017