Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Mollath – und plötzlich bist du verrückt

Zwei junge Filmemacherinnen haben Gustl Mollath von seiner Entlassung aus der forensischen Psychiatrie im August 2013 bis zur Entscheidung im Wiederaufnahmeverfahren im August 2014 mit der Kamera begleitet. Knapp ein Jahr später ist nun ihr Dokumentarfilm über den Menschen und den Fall, der die Psychiatrie in den letzten Jahren so maßgeblich beeinflusst hat, in die Kinos gekommen. Annika Blendl und Leonie Stade berichten sehr zurückhaltend aus dem Off, informieren zunächst über die offiziellen Fakten und Ereignisse.

Sie treten selbst nicht in Erscheinung. Sie beobachten und begleiten Mollath auf den Straßen und in diversen Wohnungen und Hotelzimmern in München, Nürnberg und Berlin, und zu einer Rennstrecke für Oldtimer im englischen Caldwell. Mollath spricht wenig über die sieben schlimmen Jahre im Maßregelvollzug: „Das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht“.

Er kommentiert den Alltag, an den er sich erst wieder gewöhnen muss, und landet stets bei allgemeinen Gesellschaftsproblemen oder der Weltlage. Es geht dem Zuschauer wie den Gutachtern: Mollath kooperiert nicht wirklich, er lächelt und entzieht sich. Er ist ein gut aussehender Mann, er ist gebildet und redegewandt und wirkt ausgesprochen sympathisch. So wundert man sich nicht über die vielen, vor allem weiblichen Sympathisanten, die neben den Aktivisten der antipsychiatrischen Szene immer wieder aufgeregt auf ihn warten, vor dem Gericht, bei Demonstrationen und Solidaritätsveranstaltungen.

Ist dieser freundliche Herr psychisch krank? Vielleicht ist er ein wenig sehr akribisch, zwanghaft, und natürlich weiß er alles besser. Manche Details rühren ungemein. Auf einer Terrasse beobachtet ihn die Kamera dabei, wie er zwei in einem Topf zusammengewachsene Pflanzen zu trennen versucht. Es handelt sich um eine kleine Dattelpalme und ein Mandarinenbäumchen, die er in der Haft aus Kernen gezogen und zusammen in einen Topf gepflanzt hat.

Die Erde habe er jeweils beim Hofgang herausgebuddelt, und mit einem Joghurtbecher in der Hosentasche transportiert. Später berichtet er noch von seiner schlimmsten Situation: Er habe durch sein kleines Zellenfenster beobachten können, wie ein befreundeter Insasse in der Zelle gegenüber fixiert und mit einer „Betonspritze“ ruhig gestellt worden sei. Und er habe nichts tun können. Mehr ist über den Aufenthalt in der Forensik nicht zu erfahren.

Wolfgang Strate kommt häufig zu Wort, sein Rechtsanwalt, der ihn ohne Honorar verteidigt hat. Mollath hat ihm im Laufe des Verfahrens das Vertrauen entzogen, doch das Gericht hat Strate zum Pflichtverteidiger bestellt – ein schwieriges, fragiles Verhältnis. Ein enger Freund, der G. Mollath eine Wohnung überlässt und ihn zum Oldtimer-Rennen nach England begleitet kommt angeblich gut mit ihm zurecht, betont aber gewisse rechthaberische Persönlichkeitszüge, die man eben akzeptieren müsse.

Zwei Journalisten kommen zu Wort, die eher die Seite des vermeintlichen Opfers, also Mollaths Ex-Frau beleuchten, oder sogar Kontakt zu ihr haben. Wer hat recht, wer lügt, wem kann das Gericht glauben? Allmählich wird deutlich, wie schillernd und komplex die ganze Angelegenheit ist. Beate Lakotta vom SPIEGEL zeigt Aktenbände mit den Strafanzeigen Mollaths, die er an lange Verteilerlisten von hochrangigen Persönlichkeiten verschickte, wie sie typisch für die querulatorischen Schreiben von Klienten des Sozialpsychiatrischen Dienstes sind. Aber reicht das für eine Diagnose?

Am Ende des Films hat man den Menschen Mollath ganz gut kennengelernt, ohne den Fall wirklich beurteilen zu können. Der Film endet mit dem für Mollath unbefriedigenden Urteil im Wiederaufnahmeverfahren - kein absoluter Freispruch. Den hat er aber gefordert. Möglicherweise – wer weiß es - hat er seine Frau misshandelt? Dass er dafür sieben Jahre im Maßregelvollzug eingesperrt war ist unangemessen und unverhältnismäßig, auch wenn er mit einer Summe von ca. 50 000 € entschädigt wurde. „Der Fall Mollath ist eine Blamage für unsere Zunft“ war in letzter Zeit von dem einen oder anderen Psychiater, hinter vorgehaltener Hand, zu hören. Nicht umsonst unternimmt DGPPN erhebliche Anstrengungen, um das Image der forensischen Psychiatrie zu verbessern.

Am Ende des Films ist man kein bisschen schlauer. Es wird eine Metapher vom Anfang aufgenommen, in der die Rückkehr Mollaths aus dem Maßregelvollzug mit der Rückkehr eines Astronauten von einem fremden Planeten verglichen wird. Das ist visuell und akustisch ganz hübsch gestaltet, aber aus meiner Sicht eine überflüssige, euphemistische Spielerei. Doch das ist geschenkt.

Der Film „Mollath - und plötzlich ist man verrückt“ ist in der Presse und bei der deutschen Filmbewertung nicht gut weggekommen. Man erhoffte sich mehr als ein facettenreiches Porträt. Ich finde, angesichts der Umstände hätte man es nicht besser machen können.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 11.04.2017