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Psychiatrie Verlag

Naokos lächeln

Es sind wohl vor allem die Leser der Bücher von Haruki Murakami, die das kleine Berliner Kino bis auf den letzten Platz füllen. Dessen Bestseller üben ja eine seltsame Sogwirkung aus: Sie sind nicht wirklich spannend oder dramatisch, eher ein wenig phantastisch und versponnen, kreisen in der Regel um das Innenleben junger, schreibender Männer und verblüffen lediglich ab und zu durch ein paar ungewöhnlich offene Bekenntnisse, zum Beispiel zu sexuellen oder kulinarischen Vorlieben.

Das Phänomen Murakami ist nicht wirklich zu fassen; obwohl er ein japanischer Autor ist schreibt er europäisch, global, weltumfassend. Asiatisch ist allenfalls eine fast autistische Zurückhaltung seiner Akteure, und diese etwas distanzierte, „coole“ Grundhaltung findet sich am ehesten auch in der Verfilmung des vietnamesischen Regisseurs Tran Anh Hung.

Wer den gleichnamigen Roman gelesen hat, der möge sich die Inhaltsangabe sparen. Also: Toru Watanabe ist als Oberschüler mit einem Pärchen befreundet – Kizuki und seiner Freundin Naoko. Seit ihrem dritten Lebensjahr sind die beiden zusammen, mit 17 tötet sich Kizuki mit Autoabgasen - keiner weiß warum. Toru Watanabe verlässt die Stadt um zu studieren; er bewohnt ein einfaches Mehrbettzimmer in einem Studentenwohnheim, das er mit Jobs in einer Fischfabrik und in einem Plattenladen finanziert. „Ich bin nicht gerne allein, bemühe mich aber nicht, Freunde zu finden“, erklärt er einmal einer anderen Studentin, Minori, die sich um ihn bemüht. Er ist kein Draufgänger, begleitet aber ab und zu einen Kumpel, um Mädchen flachzulegen.

Eines Tages taucht Naoko auf, die den Selbstmord ihres Jugendfreundes nicht verwinden kann. Watanabe versucht sie zu trösten, und beide schlafen miteinander; von nun an ist Turo in sie verliebt. Naoko verschwindet wieder, und lange befürchtet Turo, er könnte sie verletzt haben. Endlich kommt ein Brief von ihr; es gehe ihr nicht gut, und man rate ihr, in ein Sanatorium in den Bergen zu gehen. Watanabe driftet durch sein Studium und sein jugendliches Leben; die politischen Unruhen der sechziger Jahre, in denen der Film spielt, berühren ihn nicht. Er grübelt über die ganz großen Themen Liebe, Sexualität und Tod.

Er macht lange einsame Wanderungen, und schließlich darf er Naoko in ihrem Sanatorium besuchen. Dies ist eine sonderbare, wunderbare Nervenheilanstalt. Naoko bewohnt mit einer anderen jungen Frau, Reiko, einen Bungalow, in dem sie sich selbst versorgen. Regelmäßig müssen sie im Garten arbeiten, andere Pflichten scheint es nicht zu geben. Weder Medikamente noch Ärzte oder Krankenpfleger tauchen auf; allerdings beaufsichtigt Reiko die beiden auf Schritt und Tritt. In den folgenden Monaten pendelt Toru zwischen seinem Studentenleben und den ambivalenten Kontakten mit Midori und der Nervenheilanstalt in den Bergen.

Bei den gemeinsamen Spaziergängen durch die idyllische Landschaft rennt Naoko vor ihm her, oder redet auf ihn ein. Sie versuchen mit einander zu schlafen, doch Naoko kann nicht. Er mietet sich eine kleine Wohnung und bittet Naoko das Sanatorium zu verlassen und zu ihm zu ziehen. Doch ihr geht es zunehmend schlechter und schließlich erfährt er, dass sie sich erhängt hat. In einer Höhle am Meer schreit er und weint, um hinterher die pragmatische Midori zu bitten, von nun an seine Freundin zu sein.

Tran Anh Hung benutzt zur Umsetzung der postpubertären Gefühle des jungen Toru fast ausschließlich Naturaufnahmen; es gibt unendlich grüne Wiesen und Wälder, in denen es wogt und wispert. Das Meer brüllt und verschlingt, Schluchten und Wasserfälle dampfen. Im Kontrast dazu steht die ärmliche Studentenbude, die Wohnung Midoris und die Kantine; jedes Accesoire ist sorgfältig ausgewählt, und soll die nostalgische Stimmung der Beatles-Ära („Norwegian wood“) illustrieren. Auch die Darsteller sind sorgfältig gecastet, wobei am ehesten Kenichi Matsuyama als Toru die typische Distanziertheit asiatischer Ensembles zu überwinden vermag.

Zum Thema psychische Störung haben weder Buch noch Film etwas zu berichten. Wohl aber über die bitteren Verwerfungen der Jugend und Adoleszenz, über die histrionischen Stürme und trockenen Verklemmungen, über die Liebe, wenn man mal wüsste, was das ist.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017