Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Still Alice

In „Still Alice“ leidet die Linguistik-Professorin Alice an einer früh beginnenden Form der Demenz. Die Familie lebt auf hohem Niveau, den Sommer verbringt man im Strandhaus am Meer. Die drei erwachsenen Kinder können es zunächst nicht fassen, doch schließlich ist eine Tochter bereit, die Mutter bei ihrem Abschied zu Lebzeiten zu begleiten. Es sind vor allem die Interaktionen zwischen Mutter und Tochter, die den Film sehenswert machen. Ist Verzeihen an Erinnerung geknüpft? Kann ich mich entschuldigen, wenn ich gar nicht mehr weiß, was ich angestellt habe?

Es gibt ein paar weitere schöne Ideen, klug ausgedachte kleine Plots. So hat Alice sich auf dem Laptop selbst eine Datei vorbereitet, damit sie – wenn es soweit ist – noch weiß, wo die Medikamente zu finden sind, mit denen sie sich dann töten will. Doch auch dieses Vorhaben scheitert an der verschwundenen Merkfähigkeit. Mich hat das edle Ambiente auf Dauer ein wenig genervt, da schlägt mein Sozialarbeiterherz doch einen anderen Takt. Alice ist stets adrett, hält einen Vortrag bei der Alzheimer-Gesellschaft und verstummt ohne größeren Ärger zu machen.

Der Film unterschlägt die Schrecken der Endstrecke, was wohl zu seinem großen Erfolg beigetragen hat. Julianne Moore wurde für ihre Darstellung der Alice mit einem Oscar ausgezeichnet. Regisseur Richard Glatzer war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits an ALS erkrankt und ist gestorben.

Auch die schöne Pianistin Kate (Hillary Swank) in „Das Glück an meiner Seite“ leidet an ALS und bewegt sich in besseren Kreisen. Ihre persönliche Assistentin ist eine chaotische abgebrochene Studentin, die ganz offensichtlich das amerikanische Pendent zu einem „ziemlich besten Freund“ verkörpern soll. Die beiden haben viel Zoff und Spaß miteinander; das Autonomiebedürfnis der behinderten Pianistin wird durch die ziemlich unangepasste Pflegerin Bec treffend gespiegelt. Auch diese beiden arbeiten das Thema fortschreitende Behinderung klassisch und doch erfrischend durch.

Ärgerlich ist allerdings, dass auch dieser Film durch das jähe Eintreten des letalen Endes gänzlich unrealistisch bleibt. Die Verweigerung des Beatmungsgeräts, Sterbehilfe, Suizid, plötzlicher Herztod und Herzinfarkt ersparen dem Zuschauer und den betroffenen Angehörigen in fast allen Behindertenfilmen der Saison, wie z.B. „Honig im Kopf“ die obligatorische jahrelange Leidenszeit.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 11.04.2017