Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Psychiatrie Verlag

Take Shelter - Ein Sturm zieht auf

Nach „Melancholia“ und „Tree of life“ läuft schon wieder ein Weltuntergangsfilm in unseren Kinos. Doch „Take shelter – ein Sturm zieht auf“ balanciert so wunderbar und ergreifend auf dem schmalen Grad zwischen Wahn und Katastrophe, dass er dem sozialpsychiatrischen Publikum unbedingt ans Herz zu legen ist. Die Geschichte ist rasch erzählt, und trotzdem kommt man erschöpft und letzten Endes nicht wirklich beruhigt aus der über zweistündigen Vorstellung.

Curtis ist ein Baum von einem Mann. Nichts wirft ihn so schnell um. Er sorgt sich unentwegt um seine sensible Frau Samantha und die gehörlose kleine Hannah. Curtis ist als Spezialist für große Bohreinsätze im Tiefbau tätig; er hantiert mit riesigen Maschinen und Baggern. Plötzlich wird er nachts von entsetzlichen Alpträumen heimgesucht, die auch der Zuschauer zunächst für bare Münze nimmt. Die Wolken türmen sich auf, Vogelschwärme fliegen in seltsamen Formationen, Windhosen bilden sich am Horizont und aus den Wolken fallen eigenartig schmierige, gelbe Tropfen.

In der zweiten Nacht fällt ihn sein eigener Hund an und zerfetzt ihm den Arm, in der dritten Nacht ist sein Kollege involviert und in der vierten Nacht die eigene Frau. Den Hund sperrt er in ein Gehege, vom Kollegen trennt er sich, nicht ohne sich vorher von ihm beim Ausbau seines Sturmbunkers helfen zu lassen. Seine Frau darf ihn nicht mehr berühren.

Curtis Mutter ist an Schizophrenie erkrankt, als er 10 Jahre alt war. Er holt sich ein paar Bücher aus der Stadtbibliothek und informiert sich über die Symptome. Beim Hausarzt bittet er um Medikamente und lässt sich zu einer Psychotherapeutin überweisen. Er besucht sogar seine Mutter, die seit über zwanzig Jahren im Betreuten Wohnen lebt, und lässt sich von ihr schildern, wie die Erkrankung bei ihr begonnen hat. Doch parallel, ganz im Sinne einer doppelten Buchführung, besorgt er Gasmasken, eine Lüftungsanlage und Überlebensproviant und baut zum Entsetzen seiner Umgebung den Bunker aus. Er nimmt heimlich einen Kredit auf und verliert seinen Job.

Erst spät gesteht er Samantha das Ausmaß seiner Verstörung; sie reagiert klug und sensibel und vernünftig und nimmt das Heft in die Hand. Obwohl sogar das lange erwartete Cochlea-Implantat für Hannah nun mangels Versicherungsschutz gefährdet ist, hält sie zu ihm. Sie bittet ihn, sie zum Nachbarschaftsfest zu begleiten, wo es endgültig zum Eklat kommt. „Ein Sturm wird kommen, wie ihr ihn noch nie erlebt habt“ schreit er, hochgradig gespannt und völlig von Sinnen. In der Nacht kommt tatsächlich ein Sturm auf und die kleine Familie flieht in den Bunker. Nach ein paar Stunden ist alles vorbei, und die Nachbarn sammeln die Äste vom Rasen.

Sie leisten sich nun doch den teuren Psychiater, den die Versicherung nicht bezahlt, und der rät Curtis als ersten und entscheidenden Schritt, den Sturmbunker aufzugeben und vor allem zunächst in eine Klinik zu gehen. Danach machen sie Urlaub, wie in jedem Jahr in der Murtle Bay. Doch dann ziehen Wolken auf und diesmal ist es die gehörlose Hannah, die den Blick des Vaters auf den Horizont lenkt....

Man kann den Film lesen, wie man will. Ist Curtis psychotisch? Sind manche Menschen sensibler, vorausahnender als andere? Wie reagieren sie und wir auf die vielen Naturkatastrophen, von denen wir in der Presse erfahren? Da der Zuschauer zusammen mit Curtis die Albträume durchlebt identifiziert er sich mit Curtis, und beobachtet wie er kritisch die Reaktionen der Umwelt. Curtis verheimlicht und lügt, er bagatellisiert und leidet unter dem Druck, den er ganz alleine aushalten muss. Als er sich offenbart, wird er zunächst getröstet und bedauert, später stigmatisiert.

„Take shelter“ lebt von der unglaublichen Präsenz des Schauspielers Michael Shannon und von der Kulisse eines ländlichen, ungeheuer alltäglichen Landstrichs in Ohio, wie es selten im Kino zu sehen ist.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017