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Psychiatrie Verlag

The Sessions - Wenn Worte berühren

Passend zu der Doku über Rachel, die Sexworkerin ist Anfang Januar ein ganz spezieller Spielfilm in die Kinos gekommen.

Mark O’Brian ist im Alter von 5 Jahren an Polio erkrankt. Er ist bis zum Hals bewegungsunfähig und kann nur wenige Stunden mit Hilfe eines mobilen Atemgeräts außerhalb einer Apparatur namens „Eiserne Lunge“ existieren. Der Schriftsteller Mark O’Brian hat trotzdem studiert, und lebt nun unterstützt von einigen Helfern in einem Haus und telefoniert und schreibt mithilfe eines Mundstabs. Mit trockenem Witz und Lakonie hat er sich mit seiner Lage arrangiert; deshalb gibt es viel zu lachen, rund um seinen festgeschnallten Körper.

Mark möchte endlich Sexualität erleben, gleichzeitig hat er Angst davor. Als gläubiger Katholik holt er sich zunächst den Segen der Kirche. Ausgerechnet dieser Priester (wie immer bezaubernd: William H. Macy) wird zum aufrichtigen Ratgeber und Begleiter auf seiner Reise zum Geschlechtsverkehr.

Über eine Beraterin wird er zu Cheryl Cohen-Greene (Helen Hunt) vermittelt. In der deutschen Synchronisation wird ihre Profession nicht als Sexarbeiterin angegeben, sondern als Sexualtherapeutin, im englischen allerdings nennt sich Cheryl „Surrogate“, was vielleicht den einen oder anderen Leser an den Begriff des Ersatzspielers aus „Irren ist menschlich“ erinnert.

Cheryl erklärt Mark O’Brian die Regeln: Es gibt nur sechs Sitzungen, danach ist die Arbeitsbeziehung definitiv beendet. Das Vorgehen der Therapeutin ist strukturiert, kontrolliert und hochgradig professionell. Sie lässt sich zunächst von Mark Ausmaß und Eigenheiten seiner physischen Behinderung erklären. Es folgen einige Körperbewusstseinsübungen; sie zieht zunächst sich selbst aus, dann Mark, dann streicht sie über seinen Körper und führt seine Hand über ihre erogenen Zonen. Indem sie es mit ihrer liebevollen und doch distanzierten Art schafft, Mark seine Scham und Scheu zu nehmen gelingt ihr dies gleichzeitig auch beim Zuschauer.

In keinem Moment der minutiösen Konversationen und Demonstrationen muss man sich fremdschämen; nichts ist peinlich. Das macht die Begegnungen gleichzeitig etwas technisch und unerotisch, um nicht zu sagen prüde – aber das ist vermutlich der Preis. Mit schmalen Lippen konzentriert sich Cheryl alias Helen Hunt auf die zu bearbeitende Körperregion und Marks Reaktion. Während sie alles tut, um ihn zu entspannen flüchtet sie ab und zu ins Badezimmer, und man spürt für einen Moment ihre ungeheure Anspannung. Nach jeder Begegnung diktiert sie ihre Aufzeichnungen, und legt sich zu ihrem Mann ins Ehebett.

Bei der zweiten Sitzung geht es einen Schritt weiter; bei der dritten Sitzung kommt es zu einer kurzen Penetration, für die vierte Sitzung hat Mark als Arbeitsziel die Befriedigung seiner Therapeutin vorgegeben. Inzwischen hat sich Mark natürlich längst in sein Surrogat verliebt, und auch Cheryl gelingt es nur mühsam, die therapeutische Distanz zu wahren. Übertragung und Gegenübertragung – wen wundert’s – stehen trampelnd in der Tür. Cheryl schlägt vor, bereits jetzt die Arbeitsbeziehung zu beenden, da Mark ja alles erreicht hat, was er sich vorgenommen hat.

Immerhin kostet jede Sitzung einen Batzen Geld. Es sind die kleinen Szenen drum herum, die dem Zuschauer aus der atemlosen Spannung heraushelfen, die jede einzelne der vier Sitzungen aufbaut. Es gibt hübsche persönliche Assistentinnen, die mehr oder weniger souverän mit den Wünschen ihres Arbeitgebers umgehen – das persönliche Budget lässt grüßen. Anfangs darf Mark das geräumige Schlafzimmer einer behinderten Freundin für seine Sessions benutzen, später geht man gemeinsam in ein Motel, bzw. Mark lässt sich schieben. An der Rezeption warten die Assistentin und der Hotelmanager gemeinsam. „Was steht heute auf dem Plan?“ fragt er die junge Frau. „Orgasmus beider Partner“ meint sie trocken. Der Mann an der Rezeption grübelt. „Was ist das?“

Mark O’Brian, Schriftsteller und Lyriker hat tatsächlich gelebt und wurde 47 Jahre alt. Über seine Erfahrungen mit der Sexualtherapeutin Cheryl Cohen-Greene hat er geschrieben. Wie im Film hat er auch im tatsächlichen Leben nach Abschluss der Therapie eine attraktive Partnerin gefunden, mit der er bis zu seinem Tod zusammen gelebt hat. Auch der Regisseur Ben Lewin ist in Folge einer Polio-Erkrankung behindert. Vielleicht muss so viel Authentizität und im besten Sinne Betroffenheit zwangsläufig zu einem derart anrührenden und geduldigen Kunst-Stück führen. Doch die wahre Story und die vorschriftsmäßige Grundhaltung von Empowerment und Inklusion erklären noch nicht den Erfolg dieses Spielfilms. Da zünden wohl eher die induzierten Signale an Nichtbehinderte und Profis, – und natürlich die Schauspieler: John Hawkes und Helen Hunt werden mittlerweile für eine Oscar-Nominierung gehandelt.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017