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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Tryptique

Welche Bedeutung haben Sprache und Stimme im Leben des Menschen? Der prominente kanadische Künstler Robert Lapage hat ein Theater-Marathon mit dem Titel „Lipsynch“ entwickelt. Drei Episoden hat er für den Spielfilm „Triptyque“ herausgelöst und aus der Nähe betrachtet. Es beginnt mit der Entlassung von Michelle aus der riesigen psychiatrischen Klinik in Quebec. Sie wird von ihrer Schwester Marie abgeholt. Der Psychiater ermahnt sie noch einmal, regelmäßig ihre Medikamente einzunehmen. Die schizophrene Drehtürpatientin Michelle wird wunderbar verkörpert von der Schauspielerin Lise Castonguay.

Sie übernimmt wieder ihren Job in einem kleinen Buch-Antiquariat, wo sie sich ihren inneren Stimmen und der spärlichen Kundschaft widmen kann. Wir begegnen ihr später wieder, oder ist es vorher? Der visuell und akustisch opulente Film arbeitet mit vielen Vor- und Rückblenden, in deren Strom man sich schon einmal verlieren kann. Das macht aber nichts, man lässt sich einfach treiben.

Marie, Michelles Schwester arbeitet in einem Jazzclub als Sängerin und hat einen Gehirntumor. Sie wird von Thomas, einem deutschen Chirurgen in London auf die Operation vorbereitet. Sie werde wohl vorübergehend die Sprache verlieren, kündigt er an, aber nicht die Stimme. Sie weint. Auch Thomas, der schöne Chirurg hat Probleme; wegen eines Tremors der linken Hand kann er eigentlich nicht mehr operieren. Ist seine unerfreuliche Ehe der Auslöser, oder vielleicht schlicht der Alkohol, den er etwas allzu reichlich konsumiert?

Er trifft seine Patientin Marie nach ihrem Auftritt im Club, und die beiden haben eine Liaison. Thomas operiert Marie, und wir sehen die Abnahme der Schädeldecke und werfen einen Blick auf das Gehirn. Einzelne Areale werden gereizt; Marie muss Fragen beantworten um zu prüfen, wie weit das Sprachzentrum betroffen ist. Lapage schweift ab und macht eine Tour durch die europäische Kunst, wobei er immer wieder Bezüge zu seinem Topos herstellt: Das Gehirn ist eines der größten Wunder unserer Welt, und Michelangelo scheint in der Sixtinischen Kapelle seine mäandernde Gestalt bereits erahnt und seine Bedeutung erfasst zu haben.

Der Film widmet sich in einer letzten Episode der Suche von Marie nach der Stimme ihres Vaters, die sie vergessen hat, von dem sie aber einige Super-8-Aufnahmen besitzt. Kann man die Worte des Vaters an seinen Lippen ablesen? Marie bittet einige befreundete Synchronsprecher, die Stimme des Vaters einzusprechen, doch das Ergebnis stimmt nicht. Schließlich haben die Toningenieure eine Idee: Sie verzerren Maries Stimme, die so zur Stimme des Vaters wird. „In der Stimme deines Vaters war deine Stimme bereits enthalten“.

Manchen Rezensenten war „Triptyque“ ein wenig zu pathetisch, zu melodramatisch. Andere hat diese kinematographische Séance enorm berührt. Dieser Hymne an das menschliche Gehirn, an die inneren und äußeren Stimmen sollte man sich hingeben, wie an eine der vielen Arien, die die exzellent komponierten Großaufnahmen wunderbar ergänzen. Hoffen wir, dass für alle jene „Triptyque“ möglichst bald einen Verleih findet.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017