Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Was bleibt

„Was bleibt“ hieß ein deutscher Wettbewerbsbeitrag bei der diesjährigen Berlinale; Regisseur ist Hans-Christian Schmid, der sich mit „Requiem“ in die Annalen des Psycho-Films eingeschrieben hat. Der englische Titel „Home for the weekend“ gibt bereits eine Kurzfassung der Handlung. In meiner Berlinale-Berichterstattung hatte ich mit dem folgenden Text bereits auf „Was bleibt“ hingewiesen; nun kommt der Film regulär in die Kinos, und kann von der sozialpsychiatrischen Community zweitbegutachtet werden.

Marko (Lars Eidinger) versucht sich in Berlin als Schriftsteller; er lebt von seiner Freundin getrennt und übernimmt den kleinen Sohn Zowie, um mit ihm zu seinen Eltern nach Siegburg zu fahren. Die Familie soll wieder einmal zusammen sein; seinem Bruder Jakob haben die Eltern in der Nachbarschaft eine schlecht laufende Zahnarztpraxis eingerichtet; auch Jakobs Freundin ist für das Wochenende aus der Großstadt angereist.

„Was bleibt“ heißt der Wettbewerbsbeitrag bei der diesjährigen Berlinale; Regisseur ist Hans-Christian Schmid, der sich mit „Requiem“ in die Annalen des Psycho-Films eingeschrieben hat. Der englische Titel „Home for the weekend“ gibt bereits eine Kurzfassung der Handlung.

Marko (Lars Eidinger) versucht sich in Berlin als Schriftsteller; er lebt von seiner Freundin getrennt und übernimmt den kleinen Sohn Zowie, um mit ihm zu seinen Eltern nach Siegburg zu fahren. Die Familie soll wieder einmal zusammen sein; seinem Bruder Jakob haben die Eltern in der Nachbarschaft eine schlecht laufende Zahnarztpraxis eingerichtet; auch Jakobs Freundin ist für das Wochenende aus der Großstadt angereist.

Das Verhältnis zu der Mutter, genannt Gitte (Corinna Harfouch) und zum Vater, genannt Günter (Ernst Stötzner) ist freundschaftlich. Das Haus der Eltern ist geschmackvoll, fast luxuriös eingerichtet, mit großem Garten und Pool. Gitte eröffnet der Familie, dass für sie ein neuer Lebensabschnitt begonnen hat. Sie hat vor 14 Tagen ihre Medikamente abgesetzt. Sie leidet an einer Depression, ist zu erfahren, ein andermal heißt es, sie sei manisch-depressiv. Die Angehörigen freuen sich nicht mit Gitte, sondern erschrecken und sind verärgert über so viel Unvernunft. Der Vater hat gerade seinen eigenen Verlag zu einem guten Preis verkauft und plant eine Reise – allein - für literarische Recherchen im Nahen Osten. Das kann er jetzt knicken. Die ganze Familie, so ahnt man allmählich, war jahrzehntelang in Hab-Acht-Stellung vor der nächsten Krise der Mutter, vor dem nächsten Klinikaufenthalt. Gitte zeigt offen ihre Enttäuschung, alle anderen sind gekränkt und in Sorge.

Doch an der Oberfläche geht das gemeinsame Wochenende weiter: es wird gegrillt, gefrühstückt und in der schönsten Szene der Berlinale sogar gemeinsam gesungen. Marko setzt sich ans Klavier, einer nach dem anderen stimmt ein, denn sie alle kennen das Chanson von Charles Aznavour und den Text: „...wenn du nur still wärst, das wär schön, du lässt dich gehn, du lässt dich gehn...“ Der kleine Zowie ist begeistert und will noch mehr davon, aber der Deckel wird wieder zugeklappt. Gitte füllt Cannelloni und bereitet am Morgen einen Erdbeerkuchen vor. Und dann ist sie plötzlich verschwunden. Sie finden ihr Auto auf einem Parkplatz am Wald; sie informieren die Polizei, die den ganzen Wald durchkämmt.

Marko läuft noch in der Nacht herum und sucht und stolpert und verletzt sich und schläft auf dem Waldboden ein. Da erscheint ihm plötzlich Gitte, nun von Marko „Mama“ genannt und tröstet ihren Sohn an einem kleinen Lagerfeuer. Am nächsten Morgen liegt Marko allein auf dem Boden. Cut. Ein späteres Familientreffen, vermutlich zu Weihnachten, findet statt, um letzte Absprachen zu treffen. Gitte wird für tot erklärt.

Das Thema „Psychopharmaka“ wird im Film nicht diskutiert, ja nicht einmal angerissen. Da Gitte so überaus gepflegt und aktiv und vernünftig vorgestellt wird bleibt ihre Krankheit eine Behauptung; sie spiegelt sich in der Klage von Jakob, er habe wegen ihr in der Nähe seine Praxis eröffnen müssen, weil der Vater nur an den Wochenenden aus Frankfurt nachhause gekommen sei. Sie spiegelt sich in der vermeintlichen Rücksichtnahme des Vaters Günter, der seit zwei Jahren eine Freundin hat, die er wegen Gittes Labilität verheimlicht hat. So nimmt der Film nicht wirklich Partei, sondern er legt nur vorsichtige Spuren und überlässt es dem Zuschauer, zu urteilen.

Bereits bei der Berlinale waren die differenzierten Reaktionen in der Presse aufschlussreich. Viele Rezensenten haben diesen Film quasi systemisch rezipiert – als eine Geschichte über Geheimnisse und Loyalitäten innerhalb eines familiären Netzwerks, und nicht über den Umgang einer Familie mit einer psychischen Störung. Wurde Gitte kleingehalten, und krank gemacht, in ihrem kleinen Leben als Hausfrau und Mutter? War sie das Opfer? Oder waren es die Angehörigen, die ihr wahres Leben vor lauter Rücksichtnahme nicht gelebt haben?

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017