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Psychiatrie Verlag

We need to talk about Kevin

Es war purer Zufall, dass ich exakt am Tag der Urteilsverkündung in Sachen Breivik ins Kino ging, und mir genau diesen Film (englisches Original mit Untertiteln) zumutete. Wie oft und heftig war nicht nur unter den forensischen Experten in meinem Umfeld diskutiert worden, ob Breivik nun psychisch krank und damit schuldunfähig sei oder nicht. Nun also Kevin.

Dieser Film ist bereits in formaler Hinsicht ein Kunstwerk; die Farbe Rot steht im Mittelpunkt einer minutiös durchkomponierten Choreographie von Design und Dramaturgie. Sequenzen mit Vor- und Rückblicken sind kommentarlos scheinbar willkürlich ineinander geschnitten, und fügen sich dann doch zu einer Tragödie, deren Sog man sich nicht entziehen kann. Im Verlauf des 112 Minuten andauernden Schreckens ist man schließlich genau so entsetzt wie Eva Katchatourian, bestürzend verkörpert von der Schauspielerin Tilda Swinton.

Zu Beginn stehen zwei Schlüsselszenen: Die junge Eva tummelt sich wild und ausgelassen zwischen den Teilnehmern einer Tomatenorgie, vermutlich in Spanien. Man bewirft sich mit der roten Matsche, Eva scheint sich fast aufzulösen bei diesem Tomatenbad in der Menge. Rot spritzt in der nächsten Szene die Farbe über die Fassade ihres kleinen Hauses, und Eva schleift und schrubbt und wischt und kratzt beharrlich, um die Folgen der Farbattacke ihrer Nachbarn zu beseitigen. Es folgen weitere, irritierende Szenen. Die blasse, fast verwahrloste Eva betäubt sich mit Tabletten und Alkohol, sie wird auf der Straße von einer Passantin bespuckt und geohrfeigt und wehrt sich nicht dagegen. Allmählich offenbaren weitere, chronologisch nicht sortierte Szenen, dass Eva die Mutter eines jugendlichen Mörders ist. Kevin hat an seiner Highschool ein Massaker begangen, und sitzt nun im Gefängnis, wo Eva ihn jede Woche besucht. Wortlos sitzen sie sich gegenüber. Rot waren die Pfeile, mit denen er seine Opfer erschossen hat.

Der Titel „We need to talk about Kevin“ führt in die Irre, denn über Kevin wird kaum geredet. Und doch geht es nur um ihn und seine Eltern, vor allem seine Mutter. Das junge, wilde Hippie-Mädchen Eva ist einst mit ihrem knuffigen Teddy-Bär-Freund Franklin durch Europa gezogen, und wird schließlich schwanger. Man wird sesshaft und zieht in ein riesiges Haus. Die Geburt war nicht einfach; von Anfang an ist die emotionale Beziehung zwischen Mutter und Kind gestört. Liegt es an dem ewig quengelnden Säugling, oder an der sich so angestrengt bemühenden und doch kühlen Mutter? Kevin ist boshaft und hämisch, er quält seine Mutter und später auch die kleine, einige Jahre später auf die Welt kommende Schwester. Wenn der fröhliche Vater nachhause kommt kümmert er sich ein paar Minuten lang, in denen er wenig Verständnis für die Verzweiflung der Mutter zeigt.

Doch die ist unübersehbar. Sie ist ständig angespannt, in Erwartung neuer Bosheiten. Sie fokussiert den Blick – gemeinsam mit der Kamera – immer stärker auf die Details: Die verschmierte Marmelade, das bösartige Grinsen und Schmatzen des Kindes, die hasserfüllten Blicke des Teenagers. Als Kontrast wird ein einziger kurzer Moment einer liebevollen Mutter-Kind-Dyde geschildert, als Kevin krank ist. Eva darf ihm vorlesen, zärtlich schmiegt er sich an sie, und sie schöpft Hoffnung. Am nächsten Morgen ist er gesund und stößt sie wieder von sich.

Während die meisten vergleichbaren Filme mit der Tat enden, beschäftigt sich „We need to talk about Kevin“ ausführlich mit dem Elend danach, der Qual des Weiterlebens. Eva muss irgendwie überleben, denn Kevin könnte entlassen werden. Sein Zimmer steht bereit. Sie, die einst erfolgreiche Reiseschriftstellerin nimmt einen prekären Job in einem Reisebüro an. Erst ganz am Ende ist zu erfahren, weshalb Ehemann und Tochter nicht mehr an ihrer Seite sind.

Dies ist kein psychologisch fundierter Film und zur Frage von elterlicher Schuld oder gar Schuldfähigkeit des jugendlichen Täters im forensischen Sinne sind keine Antworten zu erwarten. Die gibt es vermutlich auch gar nicht. Wer sich erschüttern lassen möchte und bereit ist, fast zwei Stunden lang die Verzweiflung einer scheiternden Mutter zu teilen, der kann einen Kinobesuch wagen. Auf eigene Verantwortung.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017