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La Prière – das Gebet

Bei den 68. Berliner Filmfestspielen überraschte die Jury mit vielen Entscheidungen. Als bester männlicher Darsteller wurde ein junger, unscheinbarer Schauspieler (Anthony Bajon) ausgezeichnet –ein Milchgesicht mit Entwicklungspotential. Er verkörpert den 22jährigen Drogenabhängigen Thomas, der nach einer Überdosis in einer katholischen Gemeinschaft in den Bergen landet. Er zittert und zuckt sich durch den Entzug, und passt sich allmählich an.

In der ersten Zeit hat er immer einen Begleiter an seiner Seite; das ländliche Leben ist hart, voller Entbehrungen. Es gibt strenge Regeln, unter denen er enorm leidet. Er läuft weg, kehrt aber nach der Begegnung mit der Tochter eines Mitarbeiters, der unten im Dorf lebt, wieder zurück. Zur Strafe muss er in der winterharten Erde eine Grube ausheben, und diese –man hat es geahnt - anschließend wieder zuschütten. Der Sommer kommt, und mit ihm viele Besucher. Thomas gewöhnt sich an den Rhythmus des Lebens in der Gemeinschaft, er liest viel und lernt die Gebete auswendig.

Doch seine Frömmigkeit wird angezweifelt, zum Beispiel von einer Oberin in Gestalt der heiligen Hanna Schygulla. Sie ohrfeigt ihn mehrfach, weil er behauptet, seine Gebete seien echt. Bei einem gemeinsamen Ausflug in die Berge stürzt er ab, erwacht aber am Morgen ohne Blessuren. Dies wertet er als Zeichen Gottes und er entscheidet sich, Priester zu werden. Er geht diesen Weg langsam aber konsequent, und zum Abschied gratulieren ihm alle. Nun lächelt er häufig. Der Film lässt am Ende offen, ob sich Thomas für das Zölibat oder die Liebe entscheidet.

Bestechend an „La Prière“ ist die völlig unromantische Beobachtung dieses eher schlichten jungen Mannes, der sich dank der klaren Strukturen und der freundlichen Dynamik seiner Mitbewohner erstaunlich weiter entwickelt. Der Film missioniert nicht, aber er respektiert die Mission. Glaube als Ersatzdroge – das funktioniert. Viele ähnliche Gemeinschaften, auch in Deutschland, beweisen es.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 05.03.2018