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Psychiatrie Verlag

Schloss aus Glas

Der Schauspieler Woody Harrelson dominiert diesen amerikanischen Spielfilm. Er ist der unberechenbare Daddy namens Rex Walls, der seiner Familie verspricht, ein wunderbares Schloss aus Glas zu bauen. Er zeichnet Pläne, er konstruiert und schwärmt. In Wirklichkeit hausen Vater und Mutter und die drei Kinder in immer wieder neuen Bruchbuden, aus denen sie Hals über Kopf flüchten müssen, weil die Miete nicht bezahlt ist.

Es ist die Tochter Jeannette, aus deren Perspektive wir auf diese Achterbahn blicken. Jeannette muss es irgendwie geschafft haben, denn ab und zu wechselt die Handlung zu der erwachsenen Journalistin, die sich für ihre Herkunft schämt. Sie war den Launen, den Alkoholexzessen und den manischen Durchbrüchen ihres Vaters genauso ausgeliefert, wie ihre Geschwister. Zahllose Rückblenden schildern eine Tragödie. Die hübsche aber dumpfe Mutter versucht sich als Malerin, und steht ratlos in der Gegend herum. In einer besonders üblen Szene wirft Rex seine Tochter ins Schwimmbecken, und lässt sie um ein Haar ertrinken, bis sie es in ihrer Verzweiflung doch an den Rand schafft. Sie hat Verletzungen, Verbrennungen, und ist für ihr Leben gezeichnet.

Doch auch Rex kommt zerschunden von seinen Sauftouren nachhause, und Jeannette muss eine Fleischwunde mit Nadel und Faden nähen. Manchmal, wenn Rex nüchtern ist, hat er tolle Ideen, mit denen er die Familie mitreißt und begeistert. Sie lieben ihn, er ist das Zentrum ihrer Welt, sie kennen es nicht anders. Allmählich wird der Kontext klar: Wir befinden uns in den Siebzigern, und die rauschhafte Suche nach absoluter Freiheit endet für diese Familie in einem Albtraum. Kurzfristig suchen sie bei der Großmutter Unterschlupf, die beinahe noch grausamer ist. Später zittert, heult und brüllt Rex im Alkoholentzug – in einem Delirium. Immer häufiger hungern die Kinder; sie schließen einen Komplott, bis ihnen unter der Anleitung von Jeannette schließlich die Flucht gelingt. Die drei Kinder haben überlebt und sich als Erwachsene mal mehr, mal weniger von ihren Eltern distanziert, die im Müll wühlen und in einem Abrisshaus wohnen. Als Rex stirbt scheint die Familie ihn zu verklären.

Man ahnt es bereits: Die Geschichte ist wahr, und beruht auf dem autobiographischen Roman der Journalistin Jeannette Walls. Die dokumentarischen Aufnahmen und Fotos der Familie Walls, mit denen der Film endet, hinterlassen beim Zuschauer eine eigentümliche Bitterkeit. Erst wurde man mit den Walls zusammen traumatisiert, nun soll man sich mit ihnen zusammen versöhnen. Das ist zu viel verlangt.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 02.11.2017