Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

SPK Komplex

Nur 17 Monate lang, ab 1970, existierte das Sozialistische Patientenkollektiv in Heidelberg. Und doch erregt es bis heute viele Menschen. Für erstaunlich viele waren diese 17 Monate eine entscheidende Zeit, die ihr Leben – in die eine oder andere Richtung – geprägt hat. Der von Gerd Kroske gedrehte und auf der 68. Berlinale in der Reihe Forum gezeigte Film „SPK-Komplex“ fand ein ungeheuer positives Echo in der Presse. Es lohnt sich, mit dem entsprechenden Suchbegriff die Rezensionen, Kommentare und Interviews (in der taz) mit Gerd Kroske nachzulesen.

Nach dem ungeheuer differenzierten Buch von Christian Pross, erschienen 2016 im Psychiatrie Verlag gibt es nun also auch diesen Film, der am 19. April ganz regulär in die Kinos kommen wird. Bei der Berlinale waren alle vier öffentlichen Veranstaltungen restlos ausverkauft. Wer sich zu den Anfängen des therapeutischen Projekts, ausgehend von der Poliklinik der Universität Heidelberg informieren will, wird am besten zum Buch greifen. Wer sich für die Umstände des Niedergangs und der Kriminalisierung des SPK interessiert, dem sei ein Besuch im Kino empfohlen. Beides ergänzt sich natürlich ganz hervorragend. Kroske hat sehr gekonnt das wertvolle gefundene und Material in Szene gesetzt und mit den Berichten der Zeitzeugen kombiniert.

Er hat die ganz unterschiedlichen Formate wie die Glieder einer Kette chronologisch aneinander gefügt. Wir sehen den alten Hörsaal, hören die Stimme von Dr. Wolfgang Huber, dem Gründer des SPK. Wir sehen Fotos der Gruppen- und Einzelagitationen, des alltäglichen Lebens im Kollektiv. Aktennotizen, Briefe und anderes Archivgut verliest Gerd Kroske. Stück für Stück wird so die ganze Tragödie erzählt. Es geht im „SPK-Komplex“ nur ganz am Rande um psychisch Kranke, Psychotherapie und Psychiatrie. Am ehesten ist es noch die italienische Psychiatrie, die dank der vielen Redebeiträge der Sozialpädagogin Carmen Roll Erwähnung findet; sie hat nach ihrer Entlassung aus der Haft in Triest bei Basaglia gearbeitet, und ist dort bis heute aktiv.

Leider ist es Kroske nicht gelungen, die damals involvierten und heute noch lebenden Psychiater – z.B. Heinz Häfner – vor die Kamera zu bekommen. Der Part der Universitätspsychiatrie innerhalb der Auseinandersetzungen bleibt deshalb eher blass. Kroske hat vor allem nach den Übergängen, dem Scharnier zur RAF gesucht, und ganz unterschiedliche Zeitzeugen gefunden und diese erstaunlicherweise zum Sprechen gebracht; angesichts der Brisanz, die das SPK bis heute hat, eine enorme Leistung.

Die einzelnen Personen tragen im Film keine Namen, es fehlen also die üblichen „Bauchbinden“. Doch die meisten der gezeigten Männer und Frauen nennen ihre Funktion oder lassen diese zumindest erahnen. Es kommen zu Wort der damalige Leiter des Staatsschutzes, verschiedene Polizisten, eine Fotografin, Anwälte, der Richter Gohl und viele andere mehr. Besonders eindrucksvoll sind die Schilderungen des einstigen SPK-Patienten Ewald Goerlich, den man auch bei der Veranstaltung der Stiftung für Soziale Psychiatrie und des Psychiatrie Verlags am 22. November 2017 in Hamburg erleben durfte: "Wir wären besser bei Hegel geblieben." Mehrere prominente Zeitzeugen kamen nach der ersten öffentlichen Vorstellung bei der Berlinale auf die Bühne, unter ihnen Lutz Taufer, Karl-Heinz Dellwo und Carmen Roll, die sich der RAF angeschlossen hatten.

Wer sich für die Studentenbewegung und das SPK interessiert, dem sei ein Kinobesuch – unbedingt in der Gruppe – ans Herz gelegt. Bei den öffentlichen Vorstellungen hat sich nämlich gezeigt, dass der Film zu heftigen Diskussionen anregt, und viele Erinnerungen an eigene Sehnsüchte und Kämpfe weckt.

Auch in der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie und in deren Umfeld outen sich immer wieder Menschen, die damals in Heidelberg dabei waren – auf der einen oder der anderen Seite.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 02.03.2018