Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Therapie für Gangster

Vielleicht lässt sich der eine oder andere durch den reißerischen Titel in eine der wenigen Sondervorstellungen locken, und ist enttäuscht. Denn dieser Dokumentarfilm zeigt weder Sex noch Crime, sondern nüchterne Täter nach Rausch und Tat. Er begibt sich mit großer Sorgfalt in das Innere eines Sonderbereichs, den auch nur wenige psychiatrisch Tätige kennen. Drehort ist eine hermetisch abgeschirmte Klinik des Maßregelvollzugs, das Niederrheinische Therapiezentrum in Duisburg, in dem straffällig gewordene Suchtkranke gemäß § 64 StGB behandelt werden.

Der Zugang zu den Stationen und den ca. 100 Patienten ist schwierig, in jeder Hinsicht. Die Kamera beobachtet nur wenige Männer, die meisten haben einen Migrationshintergrund. Sie sitzen in der Gesprächsrunde, und sagen ein paar Worte zu ihrem Tag, zu ihrer Woche, zu ihrem Suchtdruck. Sie sind schlecht zu verstehen, denn sie sind es nicht gewohnt, sich verbal auszudrücken. Vielleicht liegt es an der Kamera, vielleicht auch an ihrem arabischen oder türkischen Akzent. Umso erstaunlicher, wenn sie im Verlauf des Films und der Dreharbeiten doch immer häufiger verständlich reflektieren. Ist ein Leben ohne Drogen, ohne Subutex, ohne Alkohol überhaupt denkbar? Einer von ihnen ist ganz ohne Hoffnung, ein anderer erhält jede Woche Besuch von der Freundin und dem kleinen Sohn, und ist sicher, es zu schaffen. In seinen Rap-Texten äußert er Zuversicht. Morgens öffnen sich die Zimmertüren, es wird gemeinsam gefrühstückt, und die nächste Gesprächsrunde beginnt.

Es wird überlegt, argumentiert, abgewogen und geschwiegen. Nur selten gerät das therapeutische Personal in den Fokus der Kamera. Indirekt wird aber deutlich, wie entscheidend deren professionelle Aktivitäten und die klaren Strukturen des Stationsablaufs für diese Männer sind. Ganz kurz wird die konzentrative Bewegungstherapie gezeigt, die Arbeitstherapie, oder die Herstellung eines Gipsabdrucks vom eigenen Kopf. Man muss sich einlassen auf die wiederkehrenden Abläufe, auf die Gesichter und Tätowierungen und individuellen Slangs der neun Männer, bis man gegen Ende des Films zunehmend Respekt empfindet für sie und eine Gesellschaft, die ihnen diese Chance gewährt. Der Abspann nennt den Vornamen jedes einzelnen, sein Delikt, die Dauer der Behandlung im Maßregelvollzug und die individuelle Haftstrafe.

Mehr wird auch hier und zu dieser komplexen Materie nicht erklärt. Die Bilder sollen – ganz im Stile des „direct cinema“ wieder einmal für sich sprechen. Tun sie das? Bei der Sondervorstellung war nicht nur der Regisseur anwesend, sondern auch die zuständige Chefärztin aus dem Therapiezentrum Duisburg. Erst die Nachfragen des spärlich anwesenden Publikums brachten die dringend notwendigen Informationen: weshalb geht einer der Patienten zurück ins Gefängnis, was ist der Unterschied zwischen Gefängnis und Maßregelvollzug; hat diese Art von Therapie überhaupt einen Sinn? Swoboda hat vier Jahre aquiriert und vorbereitet, bis er schließlich mit seinem Team vier Wochen auf einer Station verbringen durfte – vor allem im Raucherraum.

Die Widerstände gegen die Dreharbeiten waren und sind enorm, vor allem von Seiten des Personals, aber auch bei den Patienten der Station. Von den 12 Männern haben nur die gezeigten neun ihre Zustimmung gegeben; dies erklärt die vielen Nahaufnahmen im Film. Swoboda musste auf diese Gesichter fokussieren, und auf die „Totale“ verzichten. Das ist zunächst gewöhnungsbedürftig, gewährt aber einen sehr personenzentrierten Einblick. So dicht rücken wir dieser Zielgruppe sonst nicht auf die Pelle.

„Therapie für Gangster“ wird in verschiedenen Städten in Sondervorstellungen gezeigt; die Termine sind jeweils zu finden auf der unten angegebenen Webseite.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 08.05.2018