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Psychiatrie Verlag

Touch me not

Im Wettbewerb der 68. Berlinale lief dieser Film. Er hat völlig unerwartet den Goldenen Bären gewonnen. Er hat viele Diskussionen ausgelöst und ist einer von mehreren Filmen, die das Publikum gespalten haben. Wie immer, wenn mich ein Film besonders aufwühlt, schaue ich mir die Pressekonferenz an. Was haben die Künstler sich gedacht, was wollten sie erzählen? Die rumänische Regisseurin des Experimentalfilms „Touch me not“ erzählt auf der Pressekonferenz, ihre eigenen Probleme mit körperlicher Intimität seien der Auslöser gewesen. Seit vielen Jahren plane sie die Umsetzung dieses Themas.

Sie heuerte professionelle Schauspieler und Sexarbeiter an, dazu Behinderte und ihre Pflegekräfte. In kleinen Gruppen wurde über viele Monate geforscht, dokumentiert und per Skype kommuniziert. Herausgekommen ist eine Kreuzung, ein Hybrid aus Doku und Fiktion. In der ersten Szene schwenkt die Kamera von der Nahaufnahme einer Genitalbehaarung über den tätowierten Körper eines Callboys. Er duscht sich, er masturbiert unter den Blicken von Laura Benson. Sie ist eine Profi-Schauspielerin, die eine Frau spielt, der es schwerfällt, sich anfassen zu lassen. „Rühr-mich-nicht-an“.

Ein Callboy in Frauenkleidung kommt zu Besuch und zieht sich aus. Danach kommt ein kräftiger, untersetzter Mann mit einer großen Tasche mit Utensilien, beschränkt sich dann aber darauf, mit seiner starken Hand Lauras Schulter zu drücken, sie zu stoßen, den richtigen Abstand auszuloten: „Wie fühlt sich das an?“ Laura beobachtet durch ein Fenster, wie weiß gekleidete Behinderte mit ihren Partnern/Betreuern/Pflegern an einem Workshop für Körperwahrnehmung teilnehmen, sich streicheln, sich erkunden. Der Partner des schwerstbehinderten Christian Bayerlein ist Tudor; er hat mit 13 Jahren krankheitsbedingt alle seine Haare verloren, auch die Wimpern. Er tut sich schwer, den gelähmten, sabbernden Christian zu berühren; der Zuschauer tut sich schwer, das alles anzuschauen. Viele gehen raus. Im Film geht es immer weiter, auch die weiße Gruppenübung will immer wieder betrachtet sein. Die Ausstattung gleicht einem Labor, kühl und stylish; im Kontrast dazu stehen die eher unbeholfenen Tast-Bewegungen der Protagonisten.

Das alles zu betrachten könnte überaus aufregend sein, ist es für manche vielleicht auch. Mir und vielen anderen war es nur unangenehm. Die letzte Szene spielt in einem Berliner Swingerclub. Hier treffen sie alle wieder aufeinander, allein oder paarweise, konfrontiert mit neuen Akteuren, die gefesselt sind oder sich amüsieren. Man hat während der vielen, teilweise lähmend langen Szenen ausreichend Zeit, um nachzudenken, sich zu schämen, wieder neuen Mut zu fassen. Wir gehen doch ins Kino, um neues zu erfahren, um gefahrlos fremde Welten und Leben zu erforschen. Doch mir fallen immer wieder die Selbsterfahrungsgruppen der Siebziger ein, die Kommunen und Encountergruppen.

Muss die rumänische Regisseurin, muss der Ostblock auch diesen Teil der Hippiezeit nachholen? Warum muss der Zuschauer an dem Selbsterfahrungsprozess einer Künstlerin, einer ganzen Gruppe teilhaben? Die Internationale Jury war auf Krawall gebürstet. Der Goldene Bär für „Touch me not“ war nicht die einzige Entscheidung, bei der viele Kiefer nach unten klappten.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 05.03.2018