Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

Wie viele Filme über das Leben des psychisch labilen Malers Van Gogh habe ich schon gesehen? Wikipedia verzeichnet 13 Spielfilme. Zu Van Gogh findet sich viel Material; es gibt den umfangreichen Briefwechsel zwischen ihm und seinem Bruder, es gibt Nachlässe, Kontroversen, Anekdoten und Diagnosen, Beweise und Gegenbeweise. Psychoanalytiker haben nicht nur Pathographien, sondern ganze Werke über ihn verfasst. Nun also Julian Schnabel, nicht nur Regisseur sondern vor allem bildender Künstler, der in dieses Gestrüpp einen weiteren Pfad zu schlagen versucht. Er fokussiert ganz auf die Innensicht; er will mit cineastischer Gewalt das subjektive Erleben des posthum so berühmten Malers filmisch umsetzen.

Und er will noch mehr: Der Künstler Julian Schnabel will selbst gestalten, formen, Ausdruck verleihen. Die Kamera schlingert und flirrt, sie zoomt heran oder kippt auch mal weg.  Das ist in manchen Momenten faszinierend, auf Dauer aber physisch und psychisch sehr anstrengend. Nicht jeder verträgt das. Die Geschichte ist bekannt, vor allem die Vorgeschichte sollte man kennen, sonst erschließt sich vieles  nicht. Der Film nimmt Anlauf, und springt dann etwas unvermittelt hinein in die Jahre, die Van Gogh in Arles verbringt. Im Wirtshaus fragt er die freundliche Wirtin nach einer Unterkunft und wird auf das unbewohnte „Gelbe Haus“ nebenan hingewiesen. Hier lebt Van Gogh einige Jahre, und versucht vergeblich ein Gemeinschaftsatelier aufzubauen.

Lediglich der Maler Gauguin nimmt die  Einladung an. Vincent hat eine enge Beziehung zu seinem Bruder Theo, der in Paris als Kunsthändler lebt und Vincents Leben finanziert. Die beiden Brüder schreiben sich fast täglich. Ein paar berührende Szenen zeigen, wie wichtig für Vincent der Trost, auch der körperliche Trost durch seinen Bruder und seine wenigen Freunde ist. Manchmal legt er seinen Kopf an Theos Brust, und kommt ein wenig zur Ruhe.

Schnabel begleitet Van Gogh in die Natur und versucht zu zeigen, wie er die Natur erlebt, und dies in seinen Zeichnungen und Bildern umsetzt. Immer wieder wandert Van Gogh mit seiner Staffelei über die Felder. Willem Dafoe, in Cannes für diese Rolle ausgezeichnet, verkörpert nicht zuletzt dank seiner Physiognomie den Künstler eindrucksvoll. Die psychische Störung, die immer vage bleibt, wird etwas unvermittelt eingeführt: Eine Schulklasse trifft  bei einer Wanderung auf den Maler, die Lehrerin schimpft auf seine unanständige Darstellung eines Wurzelgeflechts, die Kinder bewerfen ihn mit Steinen  -  er rastet aus. Als Gauguin ihm mitteilt, dass er Arles verlassen will schneidet sich Van Gogh – vielleicht genau deshalb – ein Ohr, vielleicht auch nur das Ohrläppchen ab.

Nach Krankenhausaufenthalten begibt er sich freiwillig in die Nervenheilanstalt Saint-Rémy, wo man ihn unter den Deckel des Dauerbads einsperrt sieht; in der Nachbarwanne liegt ein martialisch tätowierter  Mann, der auf ihn einredet. Van Gogh wirkt hilflos und freundlich. Er verlässt die Anstalt, und wird sofort wieder eingeliefert, weil er von einer jungen Schönheit verlangt, sie solle sich in einer bestimmten Pose auf die Erde legen, damit er sie malen kann. Bei diesem zweiten Aufenthalt sieht man ihn gemeinsam mit anderen Patienten beim Spaziergang im Garten; die Patienten sind in Zwangsjacken eingeschnürt. Schließlich wird er zum Pastor gerufen, der ihn befragt und zur Rede stellt: Seine Bilder seien schrecklich und keinesfalls eine Gabe Gottes. Die Bürger von Arles hätten sich in Form einer Petition gegen seine Rückkehr ausgesprochen.

Nach diesem zeitgemäßen Entlassmanagement darf er unvermittelt gehen. Da er in Arles unerwünscht ist zieht er nach Auvers-sur- Oise, wo der Arzt Dr. Gachet lebt, der sich für Kunst interessiert. Van Gogh findet Familienanschluss, verliebt sich -  auch das ist strittig - in die Tochter des Hauses. Es folgt die fatale Schussverletzung und das frühe Ende. Um diese letzten Episoden in Van Goghs Leben gibt es besonders viele Spekulationen. Hat er sich selbst erschossen, oder war es ein junger Taugenichts, der mit Lederjacke und Flinte Cowboy spielte?

Schnabel entscheidet sich für die zweite Version. Van Gogh schafft es mit dem Bauchschuss nachhause, legt sich ins Bett und behauptet, sich selbst verletzt zu haben. Die Kugel wird nicht entfernt, er stirbt  am 29. Juli 1890, im Alter von 37 Jahren. 

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 16.04.2019