Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie
Dachverband
Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker
Psychiatrie Verlag

Betreutes Wohnen in Familien

Betreutes Wohnen in Familien (BWF) bedeutet die Aufnahme und längerfristige Betreuung eines psychisch behinderten Menschen in einer Gastfamilie bzw. bei einer Einzelperson. Die Familie und ihr Gast werden von einer erfahrenen pädagogischen Fachkraft unterstützt, die als Ansprechpartner bei allen auftretenden Fragen und Problemen zur Verfügung steht.

Für die Versorgung und Betreuung erhält die Gastfamilie ein festes monatliches Entgelt. Zunächst erfolgt die Aufnahme im Rahmen einer vereinbarten Probezeit. Der Aufenthalt ist auf Dauer angelegt, kann aber jederzeit von beiden Seiten gekündigt werden.

Alleinstellungsmerkmal

Im Hinblick auf die Inklusion von Menschen mit Behinderung bietet das Betreute Wohnen in Familien ein "Alleinstellungsmerkmal": In keinem anderen Unterstützungsangebot ist ein Integrationsprozess in das Gemeinwesen zu finden, das der Integration in eine Gastfamilie gleicht. Durch die Integration in eine solche Familie erschließt sich dem Menschen mit Behinderung gleichzeitig der Zugang zu Verwandten, Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen.

Dass Konflikte mit der Umwelt im Gegensatz zu Erfahrungen im ambulant Betreuten Wohnen nicht zum Ausschluss führen, ist durch den Schutz der familiären Zugehörigkeit gewährleistet. Das BWF schafft eine Beziehung mit umfassender Begleitung eines behinderten Menschen, über Dienstzeiten und erlerntes Berufsfeld hinaus. Menschen in Gastfamilien fühlen sich sicherer als in anderen betreuten Wohnformen. (...)

Partnerschaftliche Beziehungen

Die Hauptlast der Betreuung tragen Bürger, die keine Fachkenntnisse und entsprechende "professionelle Haltung" haben. Zwischen Gastgeber und Gast entstehen eine Interessengemeinschaft und partnerschaftliche Beziehung mit gegenseitigem Geben und Nehmen. Hier ist weniger wichtig, ob der Kranke Stimmen hört, sondern ob er Kartoffeln schälen kann und ob er sauber ist und gut riecht.

Die Aushandlung alltäglicher Konflikte zwischen Unterstützer und Unterstütztem wird zum biografisch bedeutsamen Lernfeld und damit zum therapeutischen Wirkfaktor. Dass die Konflikte nicht künstlich hergestellt sind wie in einer Institution, sondern die "normalen" Probleme des Alltags gemeinsam angegangen werden, ist der normalisierende Effekt des Betreuten Wohnens in Familien, das den Idealtyp des milieutherapeutischen Ansatzes darstellt.

Einzigartigkeit der Gastfamilie

Ein wesentlicher Unterschied zwischen BWF und anderen Angeboten der Wohnbetreuung liegt in der Einzigartigkeit der jeweiligen Gastfamilie und der Nicht-Austauschbarkeit der Personen. Jede Familie hat eine spürbar andere Wohnatmosphäre, ihre eigenen Tagesabläufe, Umgangsformen und Erwartungen an ihre Mitglieder.

Je besser ein Fachteam jene Kunst beherrscht, eine zutreffende Einschätzung von Persönlichkeit, Umgangsformen, offenen und versteckten Erwartungen an die geplante Beziehung abzugeben, desto eher lassen sich individuell passende Lebensnischen für Menschen mit einem Handicap finden. Zusammengefasst kann festgestellt werden, dass im BWF die Themen Personenzentrierung und Sozialraum in einem System vereint sind.

Oftmals die einzige Möglichkeit

Für freiheitsliebende und gleichzeitig grenzüberschreitende Klienten ist das BWF manchmal die einzige Möglichkeit zwischen Wohnungslosigkeit und Heim. Aufgrund des Sozialisationspotentials von Familien kann BWF für sogenannte "junge Wilde" ein Weg hin zu einem vollkommen selbstbestimmten Wohnen und Leben sein, der einen geeigneten Schutzraum bietet.

Angesichts der geplanten gesetzlichen Änderungen, insbesondere in Bezug auf das Bundesteilhabegesetz, dürfte BWF für einen Teil schwer beeinträchtigter psychisch erkrankter Menschen die einzige personenzentrierte und die Selbstbestimmung fördernde Hilfe zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sein.

Noch wenig genutzt

Während Gastfamilien in der Akutversorgung zunehmend in den Fokus genommen werden, wird BWF für die Rehabilitation von jungen chronisch psychisch erkrankten Menschen noch relativ wenig genutzt. Die Erfahrungen in Ravensburg zeigen, dass die Unterstützung durch Gastfamilien bei jungen Klientinnen und Klienten, insbesondere mit den Diagnosen Psychische Störungen mit Beginn im Kindes- und Jugendalter sowie Borderline-Persönlichkeitsstörung, als Weg der gesellschaftlichen Inklusion geeignet ist. Diese Personengruppen bevorzugen ambulante Hilfen und sind damit im BWF bestens versorgt.

Sie sollte daher zur Standardversorgung gemeindepsychiatrischer Verbundsysteme gehören und könnte durch die universelle Nutzung das funktionale Basismodell gemeindepsychiatrischer Versorgung anreichern. Ganz im Sinne des deutschen Familienpflegepioniers Gustav Kolb: "Die Familienpflege ist das beste Mittel, in einen veralteten Betrieb einen frischen Geist hineinzubringen."

Literatur

  • Konrad, M. (2013): Psychiatrische Familienpflege - Geschichte und Forschung. In: Praxiswissen Psychosozial 15/2103. Als PDF-Datei herunterladen.

Letzte Aktualisierung: 06.05.2017