Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie
Dachverband
Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker
Psychiatrie Verlag

Bürgerhilfe

"Ohne bürgerschaftliches Engagement keine Gemeindepsychiatrie". Auf diesen kurzen Nenner lassen sich die Erfahrungen der zurückliegenden Jahrzehnte bringen.

Von den Erfolgen der Psychiatrie-Enquete in den 1970ern über die zunehmende Ambulantisierung der Behandlung bis hin zu aktuellen Herausforderungen wie der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und der Inklusion – immer waren es auch engagierte BürgerInnen, die die Hilfen in der Lebenswelt für psychisch erkrankte Menschen in der Gemeindepsychiatrie weiter-entwickelt und vorangebracht haben.

Triebfedern

Die Psychiatrie-Enquete schuf die politische und fachliche Grundlage zu einem Bürgerengagement für eine menschengerechte und lebensweltorientierte Psychiatrie und eine Änderung des bisherigen rein medizinischen Blicks auf psychisch erkrankte Menschen. Dabei prägte die breite gesellschaftliche Diskussion über die Patientenmorde der Nationalsozialisten – zynisch Euthanasie genannt – und die Verwicklung der psychiatrischen Kliniken und Behinderteneinrichtungen das Engagement meist junger Bürger für die Auflösung der Großkrankenhäuser und die Entwicklung ambulanter Alternativen.

Eine weitere Triebfeder des Bürgerengagements für eine ambulante Alternative zur ärztlich geprägten Großeinrichtung stellten christliche und an einer "Pädagogik der Unterdrückten" orientierte Werte dar, die den bürgerschaftlichen Einsatz für eine Begegnung und Annahme psychisch erkrankter Menschen als Mitbürger forderten und förderten.

Bürgerschaftliche Engagement in der Gemeindepsychiatrie

Das bürgerschaftliche Engagement trägt die Gemeindepsychiatrie bereits im Namen: Die Auseinandersetzung mit seelischer Gesundheit ist nach ihrem Verständnis nichts, was hinter Klinikmauern in abgeschotteten Sonderwelten stattfinden soll, sondern in der Gemeinde gelebt werden muss – also dort, wo die Menschenleben, wohnen und arbeiten.

Experten aus Medizin und Forschung sind sich heute weitgehend darüber einig, dass die erfolgreiche Einbeziehung psychisch erkrankter BürgerInnen in ein inklusives soziales Umfeld – etwa in Form einer sinnstiftenden Arbeit – oft die beste Medizin ist und entscheidend zur Genesung beitragen kann.

Bürgerinitiativen, Gruppen und Hilfsvereine

Zu den in den vergangenen beiden Jahrzehnten erreichten Verbesserungen haben die im Dachverband Gemeindepsychiatrie zusammengeschlossenen Bürgerinitiativen, Gruppen und Hilfsvereine einen wichtigen Beitrag geleistet. Als sich diese Gruppierungen 1976 zu einem bundesweiten Verband zusammenschlossen, galt es, Pionierarbeit beim Aufbau neuer Hilfeformen zu leisten. Seine Mitgliedsorganisationen sind in den einzelnen Städten und Gemeinden aktiv, denn psychisch Kranke sollen gleichberechtigt in der Gemeinschaft leben können. Die Träger und Organisationen bieten hierzu ein breites Spektrum an Hilfen: betreute Wohnformen, Freizeitangebote, Kontaktzentren und begleitende Hilfen bis hin zu Beschäftigungsmöglichkeiten und Selbsthilfefirmen. In den neuen Bundesländern sind seit der Wiedervereinigung in zunehmendem Maße örtliche Initiativen entstanden, die ebenfalls diesen Weg mit Erfolg beschreiten und neue Ideen und Projekte schaffen.

Zu den Besonderheiten des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie gehört, dass in ihm solche Initiativen und Vereine zusammengeschlossen sind, die die Betroffenen, die Angehörigen und die BürgerInnen neben den Professionellen aktiv und verantwortlich beteiligen sowie das Ziel verfolgen, Selbsthilfe und Engagement zu fördern.

Inklusion im Sozialraum

Die Inklusion im Sozialraum kann aus der Erfahrung der Vergangenheit nur mit breiter Unterstützung von engagierten BürgerInnen gelingen. Heute sind viele der gewachsenen Initiativen für eine gemeindenahe, ambulante und an der Lebenswelt der psychisch Kranken orientierte Psychiatrie in einem breiten Netz von ambulanten regionalen Anbietern aufgegangen, die maßgeblich die psychiatrische Versorgung prägen.

Dass die Versorgungslandschaft in den letzten Jahren auch professioneller geworden ist und dadurch ökonomische Überlegungen mehr Raum einnehmen, ist dabei kein Widerspruch zum bürgerschaftlichen Ansatz der Gemeindepsychiatrie. Im Gegenteil: Bürgerschaftlich Engagierte bilden nach wie vor den Kern der Bewegung. Weil Psychiatrie-Erfahrene, ihre Verwandten und Freunde ExpertInnen für konkrete Fragen seelischer Gesundheit sind, werden sie zu unverzichtbaren PartnerInnen für Professionelle und helfen entscheidend dabei mit, ambulante und lebensweltorientierte Behandlungs- und Unterstützungsstrukturen zu schaffen.

In unzähligen Bürgervereinen, Selbsthilfegruppen, Nachbarschaftsprojekten oder Beratungsstellen leisten die Betroffenen selbst, ihre Freunde und Angehörigen deutschlandweit unverzichtbare ehrenamtliche Arbeit für seelische Gesundheit.

Letzte Aktualisierung: 05.04.2017