Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie
Dachverband
Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker
Psychiatrie Verlag

Selbsthilfe

Selbsthilfe von Menschen in psychischen Krisen und deren Angehörigen ist oft aus der Not geboren: Man leidet, bekommt nicht die erwartete Hilfe, ist frustriert, deprimiert und isoliert. Dies führt bei vielen Betroffenen zu dem Impuls und der Entscheidung, in der Selbsthilfe Rat und Unterstützung zu suchen – und häufig auch dazu, sich selbst zu engagieren.

Änderung der Einstellung

In der Selbsthilfe kommt es dann aber zu einer Änderung der Einstellung: Hoffnung, Veränderungswille, Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmung treten in den Vordergrund. Forschungsergebnisse lassen erkennen, dass die Mitglieder von Selbsthilfegruppen einen messbaren Nutzen aus ihrer Teilnahme ziehen. Sie erhalten psychische Unterstützung, sind besser informiert, arbeiten aktiver an der Bewältigung ihrer Leiden und Probleme. Vor allem aber überwinden Gruppenmitglieder, wenn sie lange genug dabei sind, erfolgreicher als andere das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins.

Wenn wir uns (...) gefragt haben, wie wir die Inklusion für Menschen mit psychischen Erkrankungen voranbringen können, dann war Selbsthilfe immer eines der Schlüsselelemente bei der Beantwortung dieser Frage. Durch die Selbsthilfe von Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen und vielen Engagierten wird heute schon an unzähligen Orten bundesweit das praktisch umgesetzt, was viele für eine funktionierende Teilhabe benötigen.

Selbsthilfe ist gelebte Inklusion

Wir sagen daher: Selbsthilfe ist gelebte Inklusion. Denn überall dort, wo Selbsthilfe – sei es im Privaten, in Internetforen, in Verbänden und lokalen Selbsthilfegruppen – betrieben wird, sind Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht länger nur Patienten. Sie nehmen ihren Lebens- und Gesundungsweg selbst in die Hand und helfen so sich und anderen, mit seelischen Krisen umzugehen, Ausgrenzungen und Bevormundung zu überwinden und eine kritische und zugleich positive und handlungsorientierte Perspektive einzunehmen.

Der Austausch ist es wert

Der Beginn in der Selbsthilfe ist oft schwierig. Es macht Arbeit und ist mühevoll, weil sie Überwindung und Engagement verlangt. Aber der Austausch von Erfahrungen, Perspektiven und Lösungsansätzen ist es wert, weil sich so der eigene Lebensweg zum Besseren verändern kann.

Im Sinne des Empowerments (der Selbstermächtigung der Betroffenen) bedeutet Selbsthilfe, sich seiner eigenen Interessen und Handlungsmöglichkeiten bewusst zu werden. Im Dialog mit anderen und in der Auseinandersetzung mit eigenen, krisenhaften Erfahrungen können neue Wege gefunden und beschritten werden.

Die Gemeindepsychiatrie baut seit ihren Anfängen vor über vierzig Jahren auf die Förderung der Selbsthilfe. Wo es anfangs noch wenige Fürsprecher und Verbände gab, da lautete das Motto der frühen Psychiatrie-Reformer, die sich im damaligen Dachverband psychosozialer Hilfsvereinigungen zusammengeschlossen haben, "Hilf Dir selbst, sonst wird Dir geholfen". Betroffenenbeteiligung, Empowerment und die Achtung der von psychisch erkrankten Menschen eingenommenen Perspektiven und Lösungsvorschläge sind für den Dachverband Gemeindepsychiatrie und seine Mitgliedsorganisationen nicht wegzudenken.

Selbsthilfe hat viele Gesichter

Sie kann ganz persönlich stattfinden, alleine oder mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen und Vereinen. In der Selbsthilfe geht es fast immer um den Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen. Sie kann kreative und künstlerische Formen annehmen oder politische Handlungsfelder eröffnen, indem sie die Forderungen psychisch kranker Menschen an die Gesellschaft, an politische Entscheider und die Arbeitswelt formuliert.

Ob "Anti-Psychiatrie-Bewegung", "Recovery-Bewegung" oder "Stimmhörer-Bewegung" – es gibt viele Beispiele für Ideen und Konzepte, die im Laufe der letzten Jahrzehnte ihren Ausdruck in Bewegungen innerhalb der Betroffenen-Szene gefunden haben. Meist lag darin der Anspruch, bestehende Missstände zu beheben oder neuartige und vorher ungenutzte Ideen in die psychiatrische Versorgung miteinzubeziehen.

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Letzte Aktualisierung: 06.04.2017