Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Warum normal sein gar nicht so normal ist...

Erwischt uns eine Grippe, dann schonen wir uns im Bett. Bricht sich jemand das Bein, dann unterschreiben alle Kollegen mit besten Wünschen auf dem Gips. Aber wenn etwas im Kopf nicht stimmt, dann sieht das oft anders aus. Wir schämen und verstecken uns, andere Menschen verstehen unsere Schwierigkeiten nicht und versuchen, sie auszublenden. Warum ist es so, dass wir über einen Teil unserer Gesundheit so wenig wissen und so wenig dafür tun, dass unsere Seele gesund bleibt?

Diese Fragen hat sich Dominique de Marné gestellt, nachdem sie mehr als zehn Jahre versucht hatte, ihre Persönlichkeitsstörung zu ignorieren oder auszublenden. Um mit den extremen emotionalen Höhen und Tiefen leben zu können, griff sie immer wieder zur Flasche, ritzte sich mit der Rasierklinge und hielt doch gegenüber ihrem Umfeld eine Fassade aufrecht – inklusive guter Noten in der Schule und im Studium. Als de Marné sich schließlich mit 27 Jahren in Behandlung begibt, lauten die Diagnosen Borderline, Alkoholsucht und Depression.

In ihrem Buch, das einen gelungenen Spagat zwischen Autobiografie, Gesellschaftskritik, Aufklärung, und Ratgeber schafft, setzt sich die Autorin für einen offenen Umgang mit der Psyche ein. Das Verdrängen ihrer Erkrankung hat sie wertvolle Lebenszeit gekostet und man spürt beim Lesen, dass hier eine schreibt, die etwas wiedergutmachen will. Als Leser profitiert man davon, dass sie sich ihren Problemen gestellt hat und zu verstehen versucht, was in ihrem Kopf vorgeht. Methodisch seziert de Marné ihre eigenen seelischen Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten, auf der Suche nach Wegen, wie sie sinnvoller, besser und genesungsfördernder damit umgehen kann.

Sie hat sich mit ihren Schwächen auseinandergesetzt und sie in Stärken verwandelt. Und will anderen helfen, das auch zu schaffen. Wie das funktioniert? Verstehen, sprechen, aufklären, akzeptieren, Aufmerksamkeit schaffen. An der eigenen Lebens- und Leidensgeschichte entlang erklärt sie in einer verständlichen Sprache Diagnosen (vor allem die eigenen) sowie Einflussfaktoren und Auswirkungen einer Erkrankung. Metaphorisch wird bei ihr die Seele zum Akku, an dem im Alltag viele Lebensbereiche und Aufgaben wie Apps saugen, bis keine Energie mehr da ist.

Sie spricht über Therapien und auch über Prävention: Unter der Überschrift »Allerlei Helfer« gibt es Tipps, was Betroffene tun können, von der Bewegung in der Natur über den verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Reserven bis hin zum Führen eines »Dankbarkeits«-Tagebuchs. Dominique de Marné ist eine neue Generation von Erfahrungsexpertinnen, die ohne ideologische Scheuklappen auch Psychiatrie und Medikamenten gegenüber offen ist – wenn sie denn dem Einzelnen helfen.

Einen Teil des Buches widmet de Marné sehr konkreten Botschaften und Forderungen an Betroffene, Angehörige, Arbeitgeber, Medienmacher und Politik. Am Ende skizziert sie eine utopische Welt in zwanzig Jahren, in der die Gesellschaft offen mit seelischen Erkrankungen umgeht. Spätestens hier wird klar: Hier ist eine junge Frau auf einer Mission, die sich als Bloggerin, »Mental Health Advocate« und nun auch als Autorin engagiert und es mittlerweile bis in die Zeitungen und ins Fernsehen geschafft hat.

Trotz der großen inhaltlichen Dichte bietet ihr Buch einen lesenswerten und verständlichen Einstieg in ein komplexes Thema – dank des authentischen Schreibstils und durch den Fokus auf ihre Anliegen. Insbesondere für junge Menschen dürfte es ein guter Gesprächseinstieg sein. Getreu dem Motto der Autorin: »Reden hilft, zuhören auch.«

Peter Heuchemer in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 24.10.2019